Von Anna Christina Nowak
05.11.2024 | 10:30
Seit Beginn der 2000er wurde die Vermittlung qualitativer Methoden in unterschiedlichen Beiträgen, Memoranden und Formaten – wie auf dem Berliner Methodentreffen – diskutiert (für die Nachzeichnung des historischen Verlaufs sei auf Mey et al., 2023 verwiesen). Eine Vernetzung zwischen Lehrenden unterschiedlicher Karrierestufen und aus unterschiedlichen Kontexten blieb lange Zeit aus, auch wenn die Notwendigkeit des Austausches und der Reflexion von Lehrformaten ein hohes Bedürfnis ist und war, wie sich 2022 herausstellte: Nicole Weydmann, die damals an einem berufsbiografischen Übergang stand und als neu berufene Professorin für Qualitative Methoden an der Hochschule Furtwangen die qualitative Methodenlehre aufbauen und weiterentwickeln sollte, richtete sich über die QSF-Mailingliste »https://qualitative-forschung.de/mailingliste-qsf-l/« (externer Link) an die Kolleg:innen. Sie wollte eine Gruppe gründen, in der sich Lehrende vernetzen, austauschen, reflektieren sowie didaktisches Material und Seminarkonzepte teilen können. Es folgte eine sehr große Resonanz, fast so als hätten alle auf genau dieses Angebot gewartet. Viele schienen zu dem Zeitpunkt als Einzelkämpfer:innen unterwegs zu sein, suchten didaktische Inspiration für Seminare und Großgruppen, wollten ihre Eindrücke über Lehre im Hochschulkontext verarbeiten oder setzten neue (digitale) Lehrformate ein, für die sie einen Reflexionsraum brauchten. So berichtet zum Beispiel Laura Behrmann, akademische Rätin in Wuppertal:
„An den Standorten an denen ich lehrte, war ich oft die Einzige, die Qualitative Methoden unterrichtete, und ich habe immer den Kontakt und den Austausch über Lehre gesucht. Lehre ist mir wichtig!“
Auch für Rubina Vock, langjährige Mitarbeiterin am Institut für Qualitative Sozialforschung (IQF) stand sehr schnell fest, dass sie ihre Methodenworkshops gerne mit anderen reflektieren würde, um didaktischen Konzepte (gemeinsam) weiterzuentwickeln:
„Den Aufruf nahm ich als Chance wahr, wieder mit Anderen in einen Austausch zu treten, der mir lange gefehlt hat“, beschreibt sie
Mittlerweile hat sich im deutschsprachigen Raum ein großes Lehrwerkstätten-Netzwerk gebildet. In mehreren Lehrwerkstätten tauschen sich Menschen unterschiedlicher Karrierestufen, aus unterschiedlichen Bildungskontexten, mit unterschiedlichen disziplinären Hintergründen und mit heterogenen Lehrerfahrungen aus. Sich im karriereorientierten Wissenschaftsbetrieb – in dem Publikationen und Drittmitteln ein höherer Stellenwert zugeschrieben wird als der Lehre – Zeit für einen Austausch über die Lehre zu nehmen, ist keine Selbstverständlichkeit. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden zeigen jedoch, wie hoch der Mehrwert der Lehrwerkstätten für jede:n Einzelne:n ist – sei es durch individuelle Lehrberatung, Lehrreflexionen, Austausch von Lehrmaterial oder durch persönliche und berufliche Weiterentwicklungen. So profitiert Kristina Enders – Neueinsteigerin in der Lehre und Lehrbeauftragte an der Uni Wuppertal – besonders von „dem geschützten Rahmen, in dem wir unausgegorene Gedanken zur Diskussion stellen können.“ Nicole Weydmann beschreibt die Arbeit in den Lehrwerkstätten wiederum als „Kraftquelle“:
„Egal welche Fragen, Probleme oder Ideen in mir auftauchen, kann ich mir sicher sein, dass ich aus diesem Netzwerk Ideen, Impulse oder auch schlicht Verständnis bekomme“.
Laura Behrmann hebt zudem die Weiterentwicklung als Lehrpersönlichkeit hervor:
„Profitiert habe ich auch in der Schärfung meiner Position – durch den Austausch wird mir klar, was mir wichtig ist und wo ich als qualitative Forscherin stehe“.
Nach einer knapp einjährigen Aufbauarbeit haben sich die Lehrwerkstätten etabliert. Jede Lehrwerkstatt hat eigene Themenschwerpunkte gesetzt und Arbeitsrhythmen entwickelt, die zu einem fruchtbaren Austausch beitragen. Viele Personen – alte Häsinnen und Hasen genauso wie Neueinsteiger:innen – haben diesen Weg unterstützt. Es gab bereits eine erste Tagung zur Lehre qualitativer Methoden in Freiburg. Eine zweite findet im März 2025 in Wernigerode statt. Auch regelmäßige Netzwerktreffen in Präsenz (z.B. in Wuppertal und Fulda) tragen zur Weiterentwicklung des Netzwerkes bei.
Christoph Stamann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Magdeburg-Stendal resümiert daher:
„Es ist toll, dass es so einen Resonanzraum für Fragen des Lehrens gibt, in den ich ein breites Spektrum an Anliegen einbringen kann und in dem wertschätzend, kollegial und vertrauensvoll darauf eingegangen wird“.
Kontakt:
anowak@uni-bielefeld.de
Literatur:
Mey, G., Niermann, D., Panenka, P. & Weydmann, N. (2023). Aktuelle Transformationen des Lehrens und Lernens qualitativer Forschung. Eine Diskussion. Journal für Psychologie, 31(2), 155-180. »https://doi.org/10.30820/0942-2285-2023-2-155« (externer Link)